Champions-League, Saison 1993/94
1. Runde
Werder Bremen - RSC Anderlecht 5:3 (0:3)
Tore: Rufer (2), Bratseth, Hobsch, Bode
Bericht:
Die allgemeine Einschätzung,
Porto, Werder und Anderlecht würden um Platz 2 in der Gruppe B hinter
Mailand kämpfen, deutete an, dass sich die drei Mannschaften auf
einem Level bewegten. Anderlecht hatte im ersten Spiel ein 0:0 in Brüssel
gegen Milan erkämpft. Damit war Werder als Gruppenletzter in
Zugzwang, was auch RSC-Kapitän Philip Albert wusste:"Wir wissen
Bescheid. Wir werden Werder nicht unterschätzen, wir kennen die
meisten Spieler, das System." Umso mehr freute er sich, dass
Oliver Reck es ihm nach einer Viertelstunde noch leichter machte und
den Ball genau vor die Füsse faustete. Ohne zu zögern, zirkelte er
am Torwart vorbei zur Führung. Den meisten der 28.000 stockte der
Atem. So viele Hoffnungen hatten sie sich für das erste
Champions-Heimspiel gemacht, und nun das. Der 22fache Meister liess
weiter Ball und Gegner laufen. Perfekter Auswärtsfussball, vom
niederländischen Trainer Johan Boskamp in bester Cruyff-Tradition
einstudiert, in Vollendung auf dem Plat von Belgiens
Vorzeigemannschaft zelebriert. "Wir sind im Europacup noch nie so
vorgeführt worden", gestand Uli Borowka hinterher ein. Präsident
Böhmert beobachtete sogar "den besten Fussball, den ich von
einer ausländischen Mannschaft bei uns im vergangenen Jahrzehnt
gesehen habe". Boffin erzielte das 2:0 und 3:0 noch vor der
Pause. In den Logen schnellten empörte Sponsoren inklusive Anhang aus
den Polstersesseln und machten sich über die Getränke im VIP-Raum
her, derweil in der unüberdachten Ostkurve die klatschnass geregneten
Fans ihren SVW weiter unterstützten. In der Kabine herrschte
Schweigen. Die Luft war zum Schneiden, der Trainer deutete seinen
"Jungs" an, sie sollen sich frische Trikots anziehen. Er
dachte: "Otto, bleib ruhig. Jetzt musst du den Kopf
einsetzen." Er setzte aber Thomas Wolter für den grippegeschwächten
Andreas Herzog ein und stellte Mario Basler ins zentrale Mittelfeld.
Es war der entscheidende Schachzug des Spiels. Fortan lief es besser
vor allem, als erkennbar wurde, dass die furiose erste Hälfte die
Belgier viel Kraft gekostet hatte. Wynton Rufer schaffte dann tatsächlich
nach 66 Minuten den Anschluss, so dass Oliver Reck spürte, "dass
Anderlecht auf einmal wackelte." Der Druck wurde immer grösser.
Rune Bratseth traf sechs Minuten später zum 2:3, weitere acht Minuten
danach Bernd Hobsch zum 3:3. Das ganze Stadion stand Kopf. Spieler,
Trainer, Betreuer und Trenchcoats fielen übereinander her und
versicherten sich immer wieder ihre Fassungslosigkeit. Kaum waren alle
wieder auf ihrem Platz schnappte sich Marco Bode den Ball und
versenkte ihn zum 4:3. Unaufhörlich prasselte der Regen auf die
Beteiligten dieses Schauspiels nieder und vermischte sich mit den Tränen
der belgischen Fans. Werders Wirbel und Anderlechts Alptraum waren
noch nicht beendet, denn Rufer wollte seine unvergessliche Leistung,
die ihn zur Fussballlegende reifen liess, noch mit einem weiteren Tor
krönen, indem er das Leder mit Warp-Geschwindigkeit am völlig
entnervten De Wilde vorbei in die Maschen hämmerte. 5:3 - nach einem
0:3 Rückstand.
Fünf Tore in 24 Minuten, einen solchen Krimi hatte Werder schon lange
nicht mehr geboten. Obwohl die Mannschaft über eine Stunde vorgeführt
wurde und keine Chance hatte, obwohl der RSC in diesen 60 Minuten
erstklassigen Fussball bot und seinen Gegner fest im Griff hatte - die
Rede wird immer nur vom dritten "Wunder von der Weser" sein
und wie Werder es geschafft hat, dieses Spiel umzubiegen. "Fragt
mich nicht, ich kann es nicht begründen", hinterliess auch Rune
Bratseth einen ratlosen Eindruck. Johan Boskamp blickte auf der
Pressekonferenz traurig und leer in die Runde und gestand: "Mir
kam es vor, als wenn ein Nachtgespenst unser Spiel zerstört
hat." Otto Rehagel hingegen hatte überhaupt keine Lust zur
Analyse: "Mich brauch ihr heute nicht, ihr habt doch genug zu
schreiben", während der anwesende Bundestrainer Vogts
Komplimente verteilte: "So etwas kann wohl doch nur Werder."
Und ganz hinten in der Ecke des Presseraums sass ein seltener Gast und
machte eifrig Notizen. Jürgen Flimm, Intendant des Hamburger Thalia
Theaters und Rehagel-Spezi, dachte darüber nach, diese Spannung auf
die Bühne zu bannen: "Das hätte ich nicht besser inszenieren können."
Quelle:
Norbert Kuntze, "Werder Bremen: Eine Karriere im kühlen
Norden"; Verlag die Werkstatt, 1997