Uefa-Pokal, Saison 1987/88
2. Runde
Spartak Moskau - Werder Bremen
Hinspiel: Moskau - Bremen 4:1
Tor: Burgsmüller
Rückspiel: Bremen - Moskau 6:2 n.V.
Tore: Neubarth (2x), Ordenewitz, Sauer, Riedle, Burgsmüller
Bericht:
Es war die Zeit, als Fußball
noch völlig selbstverständlich öffentlichrechtlich übertragen
wurde. Der Werder-Wontorra-Streit beschied den Zuschauern am
Bildschirm den drögen Hamburger Peter Jensen. Das typische Bremer
Schmuddelwetter und die Live-Übertragung sorgten für eine enttäuschende
Kulisse; knapp 20.000 waren nur gekommen. Das Weserstadion liegt
direkt am Fluss, die Feuchtigkeit, die in der norddeutschen Kälte
steckt, kroch in das helle Oval und brachte Nebel mit. Werder legte
los wie von den Fans erwartet. Stürmisch, offensiv ohne Kompromisse
und mit erfrischender Begeisterung. Otto Rehagel hatte mit Ordenewitz,
Riedle und Neubarth drei Spitzen aufgestellt. Auf der Bank lauerte
Manfred Burgsmüller auf seinen Einsatz. Die Richtung war klar. Rinat
Dassajw, sowjetischer Nationalkeeper, musste schon in der 2. Minute
hinter sich greifen. Frank Neubarth gelang nach der ersten Werder Ecke
per Kopf die Führung. Die Stimmung war prächtig. Das Spielsystem der
Bremer hatte seine Stärken im schnellen Spiel über links und rechts
mit Schaaf und Ordenewitz als Flügelzange: An diesem Abend war es
eine Kneifzange. Moskaus Vierer-Abwehrkette mit Kusnetzow und
Chidijatulin im Zentrum war hoffnungslos überfordert. Die Angreifer
Rodionow und Schmarow standen gegen Bratseth und Borowka auf
verlorenem Posten. Immer wieder trieben Meier, Neubarth und Libero
Sauer den Ball nach vorn. Auf eine weite Ordenewitz Flanke erzielte
Neubarth nach 10 Minuten sein zweites Tor. Und als der schnelle
Linksaussen selbst zum 3:0 traf, war Werder quasi in der nächsten
Runde. Der Rückstand aus dem Hinspiel war mehr als wettgemacht; das
Stadion stand Kopf.
Jetzt kam ein anderer Gegner. Langsam, wie von einem Filmregisseur
inszeniert, krabbelte der Nebel ins Stadion und blieb bleiern hängen.
Die Sicht wurde immer schlechter; der Abbruch durch Schiedsrichter
George Sandoz war zu befürchten. Die weiteren Werder-Chancen bis zur
Pause konnten von den Reportern nur mit Sichtproblemen kommentiert
werden. Immer wieder hiess es: "Das Tor von Rinat Dassajew ist
kaum zu sehen. Nur die Zuschauer in der Westkurve sind begeistert von
den Chancen des SV Werder, die hinter einer Nebelwand bejubelt
werden."
Nach der Pause wurde die Sicht besser; ein Abbruch kam nicht in Frage.
Und das war gut so, obwohl nach der Halbzeit ein Kräfteverschleiss spürbar
wurde. Spartak bekam ein spielerisches Übergewicht; auch bedingt duch
Ordenewitz' Verletzung. Führ ihn spielte Johnny Otten. Prompt
schaffte Scherenkow den 3:1 Anschluss. Rehagel musste reagieren und
brachte den 38-jährigen Manfred Burgsmüller für Günther Hermann,
um den Angriff zu forcieren. 10 Minuten vor Schluss gelang es dann
Gunnar Sauer per Kopfball, Werder in die Verlängerung zu retten.
Allein das war mehr, als sich alle nach dem schockierenden Hinspiel
erhofft hatten. Es sollten aber noch 30 unglaubliche Minuten folgen.
Ein Abend, an dem Legenden geboren wurden.
Neben dem spielerisch eleganten und zweikampfstarken Junglibero Gunnar
Sauer wurde die Kopfballstärke des Karl-Heinz Riedle zum
spielentscheidenden Element. In der 100. Minute schraubte er sich
unnachahmlich in die Höhe, blieb dort scheinbar eine Weile stehen, um
auf den Ball zu warten, und liess Dassajew mit einem plazierten Nicken
keine Chance. Das war's für Moskau. Der Widerstand war gebrochen.
Dieses Tor war entscheidend. Es folgten noch das 6:1 durch einen
cleveren Burgsmüller-Drehschuss und das 6:2 durch Passulko - doch die
Tore und der Einsatz des Frank Neubarth bildeten den Mittelpunkt der
Gespräche, wenn es um das "Wunder von der Weser" ging; das
erste, aber nicht das letzte dieser Art.
Quelle:
Norbert Kuntze, "Werder Bremen: Eine Karriere im kühlen
Norden"; Verlag die Werkstatt, 1997